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    Nordrhein-Westfälischer Handwerkstag

    Das nordrhein-westfälische Handwerk an der Jahreswende 2010/2011

    1. Rückblick auf 2010

    Zu Beginn des Jahres 2010 steht das nordrhein-westfälische Handwerk wieder gestärkt da. Nachdem die wirtschaftliche Lage 2008 und 2009 von den Auswirkungen der Finanzmarktkrise gekennzeichnet war, stand das Jahr 2010 im Zeichen einer starken und schnellen Erholung, mit der in dieser Form vor Jahresfrist noch nicht zu rechnen war. Vor allem im Sommer und Herbst 2010 erlebten viele Betriebe des Handwerks einen kräftigen Aufschwung.

    Deutlich war diese Entwicklung in den regelmäßigen Konjunkturberichten des nordrhein-westfälischen Handwerks anzulesen. Seit dem deutlichen Einbruch im Herbst 2008, als der Geschäftsklimaindex auf 63 Prozent absackte, hat sich die Stimmung im Handwerk seither kontinuierlich verbessert. Der Geschäftsklimaindex lag im Frühjahr 2010 bereits wieder bei 75 Prozent und erreichte in der Herbstumfrage 2010 einen Spitzenwert von 86 Prozent - so hoch wie seit den Boomjahren der Wiedervereinigung nicht mehr. So viele Betriebe wie schon lange nicht mehr konnten über eine gute Geschäftslage und volle Auftragsbücher berichten.

    Im Verlaufe des Jahres 2010 haben vor allem die Betriebe des Bauhaupt- und des Ausbaugewerbes einen großen Anteil zu der Erholung des Handwerks beigetragen. Deren Geschäftsklimaindex lag im Herbst 2010 mit 87 bzw. 88 Prozent an der Spitze aller Handwerksgruppen. Sie profitierten im Jahr 2010 von den Auswirkungen der konjunkturpolitischen Maßnahmen und hatten zudem nach dem strengen Winter 2009/2010 in den folgenden Monaten eine ungewöhnlich gute Auftragslage.

    Sogar noch etwas deutlicher hat sich die Stimmung in den Handwerken für den gewerblichen Bedarf aufgehellt. Hier stieg der Geschäftsklimaindex von 68 Prozent im Herbst 2009 auf 74 Prozent im Frühjahr 2010 und schließlich auf 86 Prozent im Herbst 2009. In diesem Bereich dürften die Betriebe vor allem davon profitiert haben, dass ihre gewerblichen Kunden wegen der deutlich gestiegenen Exportnachfrage auch wieder mehr Aufträge an das Handwerk vergeben konnten.

    Bemerkenswert war auch die Stimmungsaufhellung im Kfz-Gewerbe, das 2009 in einer tiefen Krise steckte, die einerseits mit den Überkapazitäten vieler Automobilhersteller, andererseits auch mit dem Einbruch der privaten Nachfrage nach der Finanzmarktkrise zu tun hatte. Zwar bleibt die Lage im Ganzen angespannt, aber allem Anschein nach verlief für viele Betriebe das Geschäftsjahr 2010 deutlich besser, als dies zu Jahresbeginn befürchtet worden war. Verhaltener blieb die Stimmung während des Jahres 2010 bei den Handwerken für den privaten Bedarf, die seit langem mit einer schwierigen Marktsituation vor allem für viele Kleinstbetriebe zu kämpfen haben.

    Die Konjunkturumfragen des nordrhein-westfälischen Handwerks erfassen vor allem die Veränderungen in der gefühlten Stimmung der Betriebe, sie liefern jedoch keine robusten Daten über Umsatz und Beschäftigung. Die vierteljährliche Handwerksberichterstattung der statistischen Ämter liefert daher eine wichtige Ergänzung zu den Konjunkturumfragen.

    Die Zahlen für die ersten drei Quartale lassen erkennen, dass das Handwerk die Talsohle durchschritten hat und sich wieder in einer deutlichen Aufwärtsentwicklung befindet. Das zeigen insbesondere die Zahlen zur Entwicklung des Umsatzes. Der Umsatz lag im zweiten und dritten Quartal wieder deutlich über dem Durchschnittswert für 2009. Demnach betrug das Umsatzniveau im dritten Quartal 2010 107,5 Mrd. € und lag damit rund 4 Mrd. € über dem Durchschnitt des Vorjahres. Das entspricht einer aktuellen Steigerung von 4 Prozent. Bei einer Fortsetzung der Dynamik auch im vierten Quartal bestehen gute Chancen, dass das Handwerk trotz eines schlechten ersten Quartals das Jahr 2010 mit einem Umsatzplus abschließen kann. Vor allem das Bauhauptgewerbe, das Ausbaugewerbe und die Handwerke für den gewerblichen Bedarf erlebten seit dem zweiten Quartal eine kräftige Aufwärtsentwicklung. Schwächer blieb dagegen die Entwicklung im Lebensmittelgewerbe und im Kfz-Gewerbe. Ein recht stabiles Bild zeigt sich im Gesundheitsgewerbe und bei den Handwerken für den privaten Bedarf.

    Die Beschäftigungsdynamik fällt im Handwerk geringer aus, weil die Betriebe auch in Krisenzeiten daran interessiert sind, qualifizierte Mitarbeiter zu halten, und im Aufschwung zunächst noch vorhandene Überkapazitäten abzubauen. So fiel im Jahr 2009 der Beschäftigungsrückgang deutlich schwächer aus als der Umsatzrückgang.

    Bis zum dritten Quartal 2010 konnte der zwischenzeitliche Beschäftigungsrückgang wieder nahezu vollständig ausgeglichen werden. Im Vergleich zum dritten Quartal 2009 sank die Beschäftigtenzahl nur geringfügig von 979.300 auf etwa 976.600. Bei Fortsetzung des zuletzt positiven Trends dürfte das Handwerk im Jahr 2010 seinen Beschäftigungsstand stabil halten können. Bereits jetzt liegen die Beschäftigtenzahlen im Gesundheitsgewerbe und im Ausbaugewerbe leicht über den Werten des dritten Quartals 2009. Schwieriger stellt sich dagegen die Lage bei den Handwerken für den privaten Bedarf dar.

    Die Zahl der Unternehmen stieg im ersten Halbjahr 2010 um rund 400 auf 181.591 und dürfte sich im zweiten Halbjahr weiter nach oben entwickelt haben.

    2. Aussichten für 2011

    Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft verlief im Jahr 2010 überraschend schnell und ragte im Vergleich der europäischen Länder heraus. Diese Dynamik, die auf die abrupten Einbruch nach der Finanzmarktkrise folgte, wird sich im Jahr 2011 nicht fortsetzen lassen. Es ist vielmehr damit zu rechnen, dass sich die konjunkturelle Erholung abschwächen und moderater verlaufen wird. Davon wird auch die Entwicklung im nordrhein-westfälischen Handwerk gekennzeichnet sein.

    Die Investitionsbereitschaft vieler Unternehmer dürfte ansteigen. Verbesserte Absatzaussichten und steigende Kapazitätsauslastungen werden wieder mehr Modernisierungs- und Erweiterungsmaßnahmen erfordern und sind durch steigende Gewinne wieder leichter zu finanzieren. Auf die handwerklichen Zulieferer und Auftragnehmer dürfte sich dies insgesamt positiv auswirken.

    Bei den Bauinvestitionen sind vor allem Rückgänge beim öffentlichen Bau zu erwarten, da die Konjunkturprogramme auslaufen und die Haushaltssituation gerade in den Kommunen sich zuspitzt. Für das Baugewerbe kommt es deshalb darauf an, dass andere Bereiche wie der Wirtschaftsbau, der private Wohnungsbau und die Gebäudesanierung diese rückläufige Entwicklung im öffentlichen Bau kompensieren können.

    Nachdem der Aufschwung im Jahr 2010 vor allem von der exportorientierten Wirtschaft ausging, ist für 2011 mit einem Ansteigen des privaten Konsums zu rechnen. Die Arbeitslosigkeit geht derzeit stark zurück, die krisenbedingte Kurzarbeit ist rückläufig und die Beschäftigungssicherheit nimmt nach einer Phase der Verunsicherung nach der Finanzmarktkrise wieder zu. Dies kann sich positiv auf diejenigen Handwerksgruppen wie das Kfz-Gewerbe, das Lebensmittelhandwerk und die Handwerke für den privaten Bedarf auswirken, die besonders stark vom privaten Konsum abhängig sind.

    Die nominalen Umsätze im Handwerk dürften im Jahr 2011 um 1,5 bis 2,0 Prozent zulegen. Die stärksten Impulse dürften vor allem von den Handwerken für den gewerblichen Bedarf, im Kfz-Gewerbe und im Ausbaugewerbe zu erwarten sein. Es ist auch damit zu rechnen, dass die Beschäftigung um etwa 0,5 Prozent ansteigen wird.

    Diese Prognosen spiegeln sich auch in den durchweg realistischen Einschätzungen der Betriebe. Ungewöhnlich viele von ihnen haben im Herbst 2010 von einer guten konjunkturellen Entwicklung berichtet, aber sie bleiben dabei auf dem Teppich und rechnen nicht damit, dass sich der in einigen Bereichen stürmische Aufschwung unbegrenzt fortsetzen lässt. Sie gehen davon vielmehr davon aus, dass sich die Lage auf einem guten Niveau stabilisiert. Bei der Beschäftigung stehen auch aus Sicht der Betriebe die Zeichen auf Stabilität. Vier Fünftel aller Betriebe wollen in der näheren Zukunft die Zahl ihrer Beschäftigten halten. Potential zum Aufbau zusätzlicher Beschäftigung sehren derzeit vor allem die Handwerke für den gewerblichen Bedarf und im Gesundheitsgewerbe. Die Umsatzerwartungen fallen recht ausgeglichen aus. Am ehesten setzen Betriebe aus dem Lebensmittelgewerbe und der Handwerke für gewerblichen Bedarf auf steigende Umsätze. Verhaltener sind allerdings die Erwartungen im Bauhauptgewerbe, das allerdings in besonderer Weise von saisonalen Effekten abhängig ist und deshalb traditionell im Winterhalbjahr geringe Umsatz- und Beschäftigungszahlen aufweist.

    Für das Handwerk in Nordrhein-Westfalen bestehen gute Aussichten auf ein erfolgreiches Jahr 2011. Ob die Potentiale für Wachstum und Beschäftigung genutzt werden können, hängen allerdings nicht nur von konjunkturellen Effekten ab, sondern auch von strukturellen Rahmenbedingungen. Das Handwerk bewegt sich in einem politischen und gesellschaftlichen Umfeld, das einige Herausforderungen stellt. Stichworte sind hierfür insbesondere der Fachkräftemangel infolge des demographischen Wandels, die eingeschränkte Ausbildungsfähigkeit und Ausbildungsbereitschaft vieler Schulabgänger, die Krise der öffentlichen Haushalte oder die steuer- und wirtschaftsrechtliche Benachteiligung von vollhaftenden Eigentümerunternehmern zugunsten von managergeführten Unternehmen mit Haftungsbeschränkungen.

    3. Neue statistische Grundlagen ab 2011

    Mit Spannung blickt das Handwerk auf die für Frühjahr 2011 angekündigte Veröffentlichung von statistischen Auswertungen aus dem Unternehmensregister zunächst für 2008 und im weiteren Verlaufe des Jahres für 2009. Das Unternehmensregister führt insbesondere Daten der Finanzämter zum Umsatz der Unternehmer und Daten der Bundesagentur für Arbeit über die Beschäftigten zusammen. Enthalten sind Daten über das Vollhandwerk (A) und das zulassungsfreie Handwerk (B1), nicht jedoch zu den handwerksähnlichen Gewerken (B2). Obwohl nach dem neuen Verfahren etwa ein Fünftel der Betriebe, die in die Handwerksrolle eingetragen sind, nicht erfasst werden, weil sie entweder nicht umsatzsteuerpflichtig sind oder keine sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben, lassen die vorläufigen Eckdaten für das Jahr 2008 erwarten, dass das nordrhein-westfälische Handwerk tatsächlich stärker ist, als bislang angenommen wurde.

    So werden von den 143.512 in die Handwerksrolle eingetragenen Betrieben der Anlagen A und B1 zwar nur 112.094 erfasst, aber selbst auf dieser eingeschränkten Grundlage fallen die Zahlen zur Beschäftigung im Handwerk deutlich höher als bisher aus. Ging man bislang für 2008 von einer Beschäftigtenzahl von 899.136 aus, so steigt diese Zahl nach der neuen Erfassungsmethode auf 1.068.775. Im Vollhandwerk (Anlage A) waren demnach nicht 622.136, sondern 832.791 Menschen, also etwa ein Drittel mehr, tätig, im zulassungsfreien Handwerk (Anlage B1) statt 277.000 allerdings nur 235.984.

    Höher fällt demnach für 2008 auch der Umsatz im Handwerk (A und B1) aus: Nach der neuen Methode lag dieser nicht bei 103,9 Mrd. €, sondern bei 106,7 Mrd. €. Der Anstieg ist der Situation im Vollhandwerk zuzuschreiben, in dem der Umsatz für 2008 nicht bei 90,2 Mrd. €, sondern bei 97,4 Mrd. € anzusetzen ist. Dagegen ist der Umsatz im zulassungsfreien Handwerk geringer: er beträgt demnach nicht 13,7 Mrd. €, sondern nur 9,3 Mrd. €.

    Ins Auge fällt also, dass die Wirtschaftskraft und die Beschäftigungsleistung des Vollhandwerks deutlich unterschätzt, diejenige des zulassungsfreien Handwerks B1 eher überschätzt wurde. Diese Zahlen werfen ein neues, kritisches Licht auf die umstrittene Novellierung der Handwerksordnung von 2003. Die Abschaffung des Meisterzwangs und die Einführung des zulassungsfreien Handwerks nach Anlage B1 haben zwar Unternehmensgründungen erleichtert, aber offenbar bleiben deren Umsatzniveau und Beschäftigungsniveau niedrig. Viel spricht daher dafür, dass sich die mangelnde fachliche und betriebswirtschaftliche Qualifikation weder ökonomisch noch arbeitsmarktpolitisch ausgezahlt hat, sondern lediglich zu einer Vielzahl von prekären und wirtschaftlich schwachen Unternehmensexistenzen geführt hat.

    Rechnet man auch noch die handwerksähnlichen Gewerke (B2) hinzu, die in der neuen Statistik derzeit noch nicht abgebildet werden, so zeigt sich das nordrhein-westfälische Handwerk als starke und große Wirtschaftsmacht von nebenan. Legt man für die handwerksähnlichen Betriebe wie bisher eine ähnliche Struktur wie im Vollhandwerk (A) zugrunde, so waren hier 2008 statt 98.700 Beschäftigten insgesamt 132.120 Menschen tätig. Diese erwirtschafteten einen Umsatz von 5,8 Mrd. € statt wie bislang angenommen 5,4 Mrd. €. Das bedeutet, dass im gesamten nordrhein-westfälischen Handwerk 2008 rund 1,2 Mio. Menschen tätig waren und zusammen einen Umsatz von über 112 Mrd. € erwirtschafteten - und dies obwohl rund ein Fünftel der Betriebe von der neuen Statistik gar nicht erfasst werden.

    Bezogen auf die Unternehmen der Anlagen A und B1 ist auch das Gewicht des nordrhein-westfälischen Handwerks für das deutsche Gesamthandwerk höher als bislang gedacht. Nach der neuen Erhebungsmethode beträgt der NRW-Anteil an den Unternehmen nicht 18,4%, sondern 19,4%. Der NRW-Anteil an den Beschäftigten im deutschen Handwerk liegt demnach nicht bei 20,1%, sondern bei 21,6%. Beim Umsatz beträgt der Anteil des nordrhein-westfälischen Handwerks nicht wie bisher angenommen 20,9%, sondern 22,6%. Es gibt demnach zwar andere Regionen in Deutschland, die stärker als NRW von handwerklichen und mittelständischen Unternehmen geprägt sind, aber die Handwerksbetriebe in NRW haben im bundesweiten Vergleich eine deutlich überdurchschnittliche Bedeutung für Beschäftigung und Wachstum.

    HA Statistik
    HWK Düsseldorf
    Stand: 7.1.2011

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Die Analyse zur Jahreswende 2010/2011 ist als pdf-Download verfügbar.  
 
 
 
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