Nordrhein-Westfälischer Handwerkstag 14 Thesen zum Meisterbrief im deutschen HandwerkDr. Thomas Köster, Geschäftsführer des Nordrhein-Westfälischen Handewerkstags, anlässlich der Arbeitstagung der IG-Metall-Vertrauensleute und Vizepräsidenten in den Handwerkskammern am 22. Okt. 1999 in Göttingen1. Die Meisterkurse des Handwerks sind das quantitativ und qualitativ wichtigste Instrument für die Vorbereitung auf die Selbständigkeit in Deutschland. 50.000 jüngere Menschen werden dort Jahr für Jahr an den Gedanken der Existenzgründung herangeführt und zur Selbständigkeit ermuntert. Dieses Instrument muss gestärkt und nicht etwa geschwächt werden. Seit der Verabschiedung der Handwerksordnung durch den Deutschen Bundestag im Jahre 1953 hat die Handwerkswirtschaft im Unterschied zum industriellen Sektor gemessen am Beschäftigtenanteil stark zugenommen. Das Umsatzwachstum des Handwerks in Deutschland insgesamt war nahezu gleich stark wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig wurde ein gewaltiger Strukturwandel zwischen den Handwerksgruppen verkraftet. Der Große Befähigungsnachweis im Handwerk ist deshalb keine Wachstumsbremse, sondern ein Wachstumsstabilisator par excellence.
1 Neuberechnung auf
Basis der Ergebnisse der Handwerkszählung 1995 ohne
Betriebsinhaber einsch. Auszubildender
Strukturwandel
im Handwerk 1949 und 1994
3. Die intensive Unternehmerqualifizierung durch Meisterkurse aufgrund des Großen Befähigungsnachweises ermöglicht in Deutschland im Vergleich zu den anderen EU-Mitgliedsländern das Entstehen größerer mittelständischer Betriebe, die auch bei anspruchsvollen und komplexen Arbeiten gegenüber Großunternehmen absolut wettbewerbsfähig sind. Die Intensität des Wettbewerbs wird dadurch erhöht.
4. Im Unterschied zu standardisierten Massenerzeugnissen haben die Verbraucher bei nicht-standardisierten Produkten und Dienstleistungen (sog. Vertrauensgütern) das Problem einer nicht ausreichenden Markttransparenz und entsprechend hoher Informationskosten über die Verlässlichkeit und Qualität einschlägiger Angebote. Der Große Befähigungsnachweis im Handwerk hilft hier den Verbrauchern, indem er von handwerklichen Anbietern präventiv den Nachweis einer ausreichenden Qualifikation verlangt. Der Große Befähigungsnachweis signalisiert den Verbrauchern ein Mindestmaß an Verlässlichkeit der handwerklichen Anbieter (Vorabvertrauen). Ihre Informationskosten und ihre Informationsunsicherheit werden dadurch vermindert. Gleichzeitig werden Fehlentscheidungen der Nachfrager und damit volkswirtschaftliche Fehlsteuerungen (sog. Fehlallokationen) tendenziell vermieden. 5. Bei nicht-standardisierten Produkten und Dienstleistungen (sog. Vertrauensgütern) ist ein gewisses Maß an Regulierung im Interesse der Verbraucher unerlässlich. Verglichen mit alternativen Instrumenten wie etwa der Produkt- und Dienstleistungshaftung, der Verlängerung von Gewährleistungspflichten, detaillierten Produktvorschriften und normen verursacht der Große Befähigungsnachweis vergleichsweise geringere Kosten. Die Alternative zum Großen Befähigungsnachweis ist somit nicht die vollständige Deregulierung, sondern nur eine andere Art von Regulierung, die mit höheren Kosten und Marktzugangsbarrieren verbunden ist. 6. Eine Marktabschottung für das Handwerk aufgrund des Großen Befähigungsnachweises ist in der Realität bundesdeutscher Märkte nicht möglich und empirisch nicht nachweisbar:
7. Unter den Bedingungen des Großen Befähigungsnachweises ist das Handwerk mit einem Anteil von knapp 20 Prozent an den Arbeitsplätzen zum größten Arbeitgeber in Deutschland vor der Industrie aufgestiegen. Die Existenzgründungen im Handwerk zählen zu den beschäftigungsintensivsten Existenzgründungen in Deutschland. Der Job-Motor Handwerksmeister darf nicht demontiert werden.
9. Die Ausbildungsquote im Handwerk ist aufgrund der Ausbildungsleistung der Handwerksmeister nahezu doppelt so hoch wie in der sonstigen Wirtschaft. Dies ist das Ergebnis der Verbindung von Marktzutritts- und Ausbildungsberechtigung im Großen Befähigungsnachweis des Handwerks. Auf dieser Grundlage ist es dem Handwerk bislang möglich, fast 40 Prozent aller Lehrstellen in Deutschland zu stellen. Diese Leistung ist die Grundlage für die Fortexistenz des Dualen Systems der beruflichen Bildung in Deutschland. Zugleich ist dies die entscheidende Bedingung dafür, dass Deutschland unter den großen EU-Ländern die niedrigste Jugendarbeitslosenquote aufweist. Würde bei einem Wegfall des Großen Befähigungsnachweises die Ausbildungsquote im Handwerk auf das Niveau der übrigen Wirtschaft sinken, so bedeutete dies den Verlust von ca. 280.000 Lehrstellen, das sind 17,6 Prozent aller Ausbildungsplätze in Deutschland.
10. Ausbildung und Qualifizierung sind unbestritten die wichtigste persönliche Voraussetzung zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit. Ein Ungelernter hat ein doppelt so hohes Arbeitslosigkeitsrisiko wie ein Qualifizierter. Der Große Befähigungsnachweis ist eine der wichtigsten Säulen der beruflichen Qualifizierung. Wer diese Säule zum Einsturz bringt, erhöht den Anteil der Ungelernten und damit die Arbeitslosigkeit. 11. Der Meisterbrief ist das Diplom" für die nicht-akademischen Bevölkerungsteile in Deutschland. Der Wunsch, den Meisterbrief zu erlangen, ist für weite Bevölkerungskreise einer der stärksten Motivatoren für Weiterbildungsanstrengungen nach der beruflichen Erstausbildung. Wer den Großen Befähigungsnachweis abschafft, beseitigt einen der wichtigsten Bildungsaufstiegswege für Nicht-Akademiker in Deutschland. Dieser Bildungsaufstieg war und ist für breite Bevölkerungskreise gerade auch der Arbeitnehmerschaft gleichzeitig ein Weg des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs. 12. Die Zünfte des Mittelalters mit Zunftkontrollen über Preise, Gesellen- und Lehrlingszahl, Löhne, Arbeitsstunden und Werkzeuge haben mit der Wirklichkeit des modernen Handwerks heute nichts gemein. Behauptungen, der Große Befähigungsnachweis sei ein Relikt einer überkommenen Ständegesellschaft, gehen an der Sache vorbei. 13. Wirtschaftspolitische Instrumente wie der Große Befähigungsnachweis haben neben Vorteilen natürlich auch Nachteile. Als Nachteile sind vor allem die Schwierigkeit einer jeweils rechtzeitigen Anpassung der Berufsbilder an die Dynamik der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung sowie eine nicht immer einfache Gewerkeabgrenzung und schließlich die höheren Qualifizierungsanforderungen zu nennen, die deutsche Staatsbürger im Vergleich zu EU-Ausländern aufgrund des Großen Befähigungsnachweises erfüllen müssen (sog. Inländer-Diskriminierung). Eine Abwägung des Pro und Contra führt aber zu dem Resultat, dass das Pro zu Gunsten der Beibehaltung des Großen Befähigungsnachweises eindeutig überwiegt. 14. Der Große Befähigungsnachweis im Handwerk ist als wichtige Orientierungshilfe der Verbraucher bei sog. Vertrauensgütern ein modernes Instrument der Wirtschaftspolitik. Er führt zu vermehrter Wettbewerbsintensität, da sich durch ihn mehr bestandsstabile, qualifizierte und leistungsstarke Anbieter auf einer Fülle von Märkten in Konkurrenz zu Großbetrieben betätigen. Er kompensiert bestimmte Absatznachteile nicht-standardisierter Produkte und Dienstleistungen durch Ermöglichung eines Vorabvertrauens bei Verbrauchern. Der Große Befähigungsnachweis reduziert dadurch volkswirtschaftliche Fehlallokationen, stabilisiert die Arbeits- und Ausbildungsmärkte und dient auch verteilungspolitischen Zielen insoweit, als er unterkapitalisierten Kleinstbetrieben die Weiterentwicklung zu einer breiten Schicht wettbewerbsfähiger mittelständischer Betriebe ermöglicht. Düsseldorf, 19. Oktober 1999 Benutzte Quellen: - Statistische Jahrbücher - Sekundärstatistiken des Handwerks - Ergebnisse der Handwerkszählungen
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