Nordrhein-Westfälischer Handwerkstag Die Wettbewerbssituation im HandwerkBefragungsergebnisse von 2001Die Wettbewerbssituation mittelständischer Handwerksunternehmen wird in vielen Bereichen zunehmend schwieriger. Die ruinöse Konkurrenz des großflächigen Einzelhandels, der Vormarsch von Tochterfirmen industrieller Großbetriebe auf handwerkliche Märkte, Dumpingpreise durch große Dienstleistungsketten oder die wirtschaftliche Betätigung der öffentlichen Hand, um nur einige Beispiele zu nennen, bedrohen die mittelständischen Handwerksunternehmer in Teilbereichen sogar in ihrer Existenz. Darüber hinaus nehmen Großlieferanten zunehmend Einfluss auf die Unternehmenspolitik und schmälern dadurch die Unternehmenserträge. Unfaire Mengenstaffeln, Übernahme von Gewährleistungsverpflichtungen über die vom Hersteller gewährte Frist hinaus oder ungünstige Zahlungsbedingungen sind nur einige Beispiele von Geschäftspraktiken, die mittelständische Handwerksunternehmen unter Druck setzen. Es kommt hinzu, dass Handwerksunternehmen, die an Großkunden liefern, zum Teil dem Diktat ihrer Abnehmer ausgesetzt sind. Das Thema Wettbewerbspolitik ist nicht nur für die Existenz der kleinen und mittleren Handwerksunternehmen von großer Wichtigkeit, es ist darüber hinaus auch von grundsätzlicher Bedeutung für unsere Wirtschaftsordnung. Der Nordrhein-Westfälische-Handwerkstag hat dieses Thema aufgegriffen und im Rahmen einer Unternehmensbefragung die aktuellen Probleme bei den betroffenen Handwerksunternehmen untersucht. Die nachfolgende Analyse stellt die Ergebnisse im Detail vor. Die ruinöse Konkurrenz durch Großanbieter setzt die mittelständischen Handwerksunternehmen stark unter Druck. Im Rahmen der Umfrage wurde die Frage gestellt, ob die Unternehmen durch ruinöse Konkurrenz von Großanbietern betroffen sind. Das Ergebnis war in dieser Dimension nicht erwartet worden. Immerhin 41,2 Prozent der Befragten gaben an, von ruinöser Konkurrenz durch Großanbieter betroffen zu sein. Auslöser dieses Konkurrenzdrucks ist in erster Linie nach den Umfrageergebnissen der großflächige Einzelhandel. 21,6 Prozent der Handwerker in Nordrhein-Westfalen sind einer ruinösen Konkurrenz durch den großflächigen Einzelhandel ausgesetzt. Großflächige Handelsunternehmen sind auf Grund ihrer Marktmacht und der Möglichkeit des internen Verlustausgleichs in der Lage, die Produkt-Angebote des Handwerks durch Dumpingpreise erheblich zu unterbieten. Dabei sind Qualitätsunterschiede zwischen handwerklich gefertigten Produkten und den vom Handel angebotenen Waren häufig nicht kaufentscheidend. Offensichtlich erlaubt das Budget der Verbraucher in vielen Fällen nicht, sich für ein Qualitätsprodukt des Handwerks zu entscheiden. Weiterer Konkurrent des Handwerks sind die in die handwerklichen Märkte vordringenden Filialketten. 17,6 Prozent der in Nordrhein-Westfalen ansässigen Handwerksunternehmen sind hiervon betroffen. Eine nicht hinnehmbare Wettbewerbsverzerrung entsteht durch das Tätigwerden des Staates auf handwerklichen Märkten. Mit Steuergeldern subventionierte öffentliche Unternehmen machen hier den täglich dem freien Wettbewerb ausgesetzten Handwerksunternehmen unfaire Konkurrenz. In der Befragung gaben 5,4 Prozent der Unternehmen an, hiervon betroffen zu sein. Durch das wirtschaftliche Tätigwerden des Staates auf dem freien Markt werden auf diese Weise nach Berechnungen des Nordrhein-Westfälischen-Handwerkstages 60.000 Arbeitsplätze im Handwerk des größten deutschen Bundeslandes gefährdet. Weitere ruinöse Konkurrenz entsteht dem Handwerk durch Tochterfirmen industrieller Großunternehmen. Energiekonzerne, Hersteller von Installations- und Heizgeräten oder Elektrogeräten bieten handwerkliche Leistungen im Zusammenhang mit der Lieferung dieser Geräte an. Dem Handwerk gehen diese Aufträge in der Folge verloren oder wenn Handwerker beschäftigt werden, sind sie Subunternehmer dieser Großkonzerne mit der Folge, dass sie Wertschöpfungsanteile verlieren, in der Preisgestaltung von ihren industriellen Auftraggebern abhängig sind und ihre unternehmerische Selbstständigkeit beeinträchtigt wird.
Die Einflußnahme auf die Geschäftspolitik der kleinen und mittleren Handwerksunternehmen durch Lieferanten oder Großkunden schränkt zunehmend die unternehmerischen Entscheidungsspielräume der Betriebsinhaber ein. Vor allem Ertragsschmälerungen sind die Folge dieser Politik der Großunternehmen. Die Betriebsbefragung zeigt in dieser Hinsicht eindeutige Ergebnisse. Auf die Frage, ob die Betriebsinhaber in ihrer unternehmerischen Entscheidungsfreiheit durch Lieferanten oder Großkunden eingeschränkt sind, gaben 26,5 Prozent der befragten Unternehmer an, dass eine Einschränkung vorliege. Die Untersuchung ging sodann der Frage nach, in welcher Form die Lieferanten von Handwerksunternehmen Einfluss auf die Geschäftspolitik ihrer Kunden nehmen. Es zeigte sich, dass an erster Stelle über nicht bedarfsgerechte Mengenstaffeln, d.h. die Verpflichtung zur Abnahme von Mindestmengen, die nicht an der aktuellen Marktsituation des Handwerksunternehmens orientiert sind, die Ertragssituation im Handwerk massiv beeinträchtigt wird. 70 Prozent der betroffenen Betriebe gaben dies an. Die Einflussnahme auf die Verkaufspreise des Handwerksunternehmens durch Lieferanten wird an zweiter Stelle von den Handwerkern beklagt (53,3 Prozent der betroffenen Handwerker). Damit endet aber nicht die Liste der Bereiche, in denen Lieferanten Einfluss auf die Geschäftspolitik der Handwerksunternehmen nehmen. Weit verbreitet ist die Einflussnahme auf die Gestaltung der Verkaufsräume durch Lieferanten. Hierdurch sind die Handwerksunternehmen zu kostenträchtigen Umbaumaßnahmen verpflichtet, die das Budget schmälern (23,3 Prozent der betroffenen Handwerksunternehmen). Eine weitere Belastung der Handwerksunternehmen stellt die Übernahme von Gewährleistungsverpflichtungen über die vom Hersteller gewährte Frist hinaus dar (20 Prozent der betroffenen Handwerksunternehmen). In vielen Fällen nehmen Lieferanten Einfluss auf die technische Ausstattung der Unternehmen. Bei 16,7 Prozent der Betroffenen schmälert der Zwang zu kostenintensiven Werkstatteinrichtungen das Budget. 16,5 Prozent der betroffenen Handwerksunternehmer klagen über ungünstige Zahlungsbedingungen, die ihnen von den Lieferanten diktiert werden. Gut jedes zehnte Unternehmen hat bereits einmal die Erfahrung gemacht, dass sein Lieferant den Liefervertrag einseitig gekündigt hat, weil der Unternehmer sich nicht dem Diktat seines Lieferanten unterworfen hat. Marktanteile gehen den Handwerksunternehmen dadurch verloren, dass in jedem zehnten Fall Lieferanten eigene Reparaturwerkstätten einrichten und damit ihren handwerklichen Kunden Konkurrenz machen. Schließlich klagen 9,9 Prozent der betroffenen Handwerker darüber, dass ihr Lieferant Einfluss auf das angebotene Sortiment nimmt, was letztendlich dazu führt, dass die Lagerkosten wegen nicht absetzbarer Teile des Sortiments in die Höhe schnellen. Aber nicht nur Lieferanten von Handwerksunternehmen nehmen Einfluss auf die Geschäftspolitik. Handwerker, die ihre Waren an einen Großabnehmer liefern oder Dienstleistungen für einen Großkunden erbringen, geraten in eine Abhängigkeit, die ihren Kunden erlaubt, massiv Einfluss auf die betrieblichen Abläufe und die Geschäftspolitik zu nehmen. In erster Linie versuchen Großkunden ihren handwerklichen Lieferanten die Verkaufspreise zu diktieren. Dies beklagen 65 Prozent der betroffenen Handwerker. Bei knapp der Hälfte der Befragten führen überzogene Gewährleistungsansprüche zu unvertretbaren Kosten und Mehrbelastungen. Von gut jedem dritten befragten Unternehmen werden ungünstige Zahlungsbedingungen beklagt. Vor allem die schlechte Zahlungsmoral der Großkunden belastet die Liquidität der Handwerksunternehmen erheblich. Jeder fünfte Handwerksbetrieb gibt an, dass sein Großabnehmer Einfluss auf das angebotene Sortiment nimmt. Bei fünf Prozent der Betroffenen nehmen auch Großkunden Einfluss auf die technischen Standards der Produktionseinrichtungen der Handwerksunternehmen. Durch Zwang zu kostenintensiven Werkstatteinrichtungen wird die Liquidität der betroffenen Unternehmen deutlich eingeschränkt. Was ist aus der Sicht der Handwerksunternehmen die richtige Gegenstrategie zur Sicherung der Wettbewerbsposition des mittelständischen Handwerks? Dies war eine zentrale Frage in der Wettbewerbsuntersuchung des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstages. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass Handwerksunternehmen eine klare Chance haben, dem harten Konkurrenzdruck durch Großanbieter zu widerstehen, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnen. Dies heißt auf jeden Fall nicht, mit einem industriellen Konkurrenten in einen Preiswettbewerb einzutreten. Hier würde das Handwerk mit Sicherheit nicht mithalten können, weil auf diesem Gebiet nicht seine Stärken liegen. Die Stärke des Handwerks liegt vielmehr in der Qualität seiner Produkte und Leistungen, in individueller Beratung des Kunden und seiner Fähigkeit, für einen speziellen Kundenwunsch ein individuelles Angebot zu erstellen. Diese Strategien nennen die Unternehmer bei der Beantwortung der einschlägigen Fragen in der Wettbewerbsuntersuchung an erster Stelle. Setzen auf Qualität nennen 86,3 Prozent, kundenindividuelle Beratung 61,5 Prozent und maßgeschneidertes Angebot 54,0 Prozent. Damit setzt sich das Handwerk klar und eindeutig vom Angebot billiger Massenprodukte ab. Eine traditionelle Stärke des Handwerks liegt in seiner großen Innovationskraft. Dem Handwerk wurde bereits zu Beginn der industriellen Revolution sein Untergang vorausgesagt. Dass diese Prognose nicht eingetroffen ist, zeigen die Wirtschaftsdaten des Handwerks auf eindrucksvolle Weise. Das Handwerk ist der größte Arbeitgeber. Es hat inzwischen die Industrie mit der Zahl seiner Arbeitsplätze überholt. Es bildet 40 Prozent aller Lehrlinge in Deutschland aus und trägt mit 10 Prozent zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Das konnte nur gelingen, weil die kleinen Handwerksunternehmen flexibel auf die Herausforderungen des Wettbewerbs reagiert haben. Vor allem durch Innovationen nahmen sie eine Vorreiterrolle im Strukturwandel ein. "Neue Produkte und Verfahren statt Preiswettbewerb" lautete und lautet auch heute noch die Devise im Handwerk. Mehr als jedes fünfte Handwerksunternehmen setzt nach den vorliegenden Umfrageergebnissen auf diese Wettbewerbsstrategie in einem zunehmend härter werdenden Konkurrenzkampf. Die Bildung von Kooperationen ist ein weiteres Instrument des Handwerks im Kampf gegen die Konkurrenz der Großanbieter. Angebote aus einer Hand, die Bildung von Einkaufsgenossenschaften oder Gemeinschaftswerbung sind hier Beispiele erfolgreicher Wettbewerbsstrategien. Nach den Umfrageergebnissen bieten 21 Prozent der Unternehmen Angebote aus einer Hand, Einkaufsgenossenschaften bilden 13 Prozent und Gemeinschaftswerbung machen 12,4 Prozent der befragten Unternehmen. Das Instrument der Kooperation sollte von den Handwerksunternehmen noch stärker genutzt werden, weil es erfolgreich gegen die aggressive Konkurrenz der Großunternehmen angesetzt werden kann. |
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