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    Nordrhein-Westfälischer Handwerkstag
    Die Rolle des Handwerksunternehmers in der Gesellschaft
    Ergebnisse empirischer Untersuchungen bei Handwerksunternehmern im Jahr 2003

    Risiko übernehmen und Chancen erkennen: Das sind die wichtigsten Eigenschaften des Unternehmers

    Die Bereitschaft für eigene Entscheidungen gerade zu stehen, Kunden zu überzeugen, - Mitarbeiter zu motivieren und Chancen zu erkennen und zu nutzen - dies sind die wichtigsten Eigenschaften, die aus Sicht der Handwerksunternehmer ein erfolgreicher Unternehmer besitzen sollte und besitzen muss. Nahezu zwei Drittel der befragten Unternehmer aus dem Handwerk erachten diese Eigenschaften als sehr wichtiges Kriterium für unternehmerische Aktivitäten. Weitere wichtige Eigenschaften, die einen erfolgreichen Unternehmer auszeichnen sollten, sind Verantwortung für Mitarbeiter zu übernehmen, die Fähigkeit Risiko auszuhalten, Vorbild zu sein und nicht zuletzt Durchsetzungsfähigkeit.

    Freiheits- und Unabhängigkeitswille sind das wichtigste Motiv für die Unternehmensgründung

    Was motiviert junge Handwerker, den Qualifikationsweg zum Unternehmer zu gehen und das Risiko der Gründung einer selbständigen Existenz einzugehen? Der Nordrhein-Westfälische Handwerkstag stellte Handwerksunternehmern die Frage "warum sind Sie selbständig geworden?" Die häufigste Anzahl der Nennungen wurden bei der Antwort "ich wollte schon immer selbständig sein" registriert. 42 Prozent gaben dieses Gründungsmotiv als sehr wichtig an und 23 Prozent als wichtig. Diese Antwort zeigt, dass die Möglichkeit der Selbstverwirklichung und die Entfaltung der eigenen Leistungsfähigkeit das wichtigste Gründungsmotiv für Handwerksunternehmer sind.

    Ein weiteres wichtiges Motiv für die Gründung einer selbständigen Existenz im Handwerk ist der Wunsch, den Familienbetrieb weiterzuführen. 37 Prozent gaben dies als sehr wichtig an und 10 Prozent als wichtig.

    Die Umfrageergebnisse zeigten vor allem aber auch, dass finanzielle Gründe nicht in erster Linie Gründungsmotiv der jungen Handwerker waren. Nur 16 Prozent erachteten das finanzielle Gründungsmotiv als sehr wichtig und 29 Prozent als wichtig.

    Unbedeutend ist das Gründungsmotiv aus der Arbeitslosigkeit heraus oder wegen drohender Arbeitslosigkeit. Nur 18 Prozent bezeichnen dieses Gründungsmotiv als sehr wichtig oder wichtig.

    Handwerksunternehmer kann man aufgrund dieser Ergebnisse als prototypische Unternehmer auffassen. Mit der Entscheidung für die Unternehmertätigkeit ist für sie untrennbar die Entscheidung für Risiko und für Freiheit und Unabhängigkeit verbunden. Das Handwerk wird damit seiner ihm auch von Beobachtern zugeschriebenen Funktion als Saatbeet und Schule für Unternehmer gerecht.

    Die langfristige Sicherung des Unternehmensgewinns ist nach der Auffassung von 78 Prozent der befragten Unternehmer das vordringliche Gewinnziel, welches sie anstreben. Gewinnmaximierung dagegen erachten nur 18 Prozent als sehr wichtig. Von nur geringer Bedeutung ist eine Unternehmensstrategie, die die Erzielung von soviel Gewinn zum Ziel hat, dass der Unternehmer überleben kann. Langfristige Ertragsstabilisierung und Bestandsfestigung der Unternehmen stehen also im Vordergrund der Unternehmenspolitik der befragten Selbständigen. So ist es konsequent, dass Handwerksunternehmer auch über die Nachfolgeregelung nachdenken. Der Nordrhein-Westfälische Handwerkstag fragte die Unternehmer, was aus ihrem Betrieb werde, wenn sie sich einmal zur Ruhe setzen. Weiterführung in der Familie, dies wäre 47 Prozent der Befragten am liebsten. Die Weiterführung durch einen erfahrenen Mitarbeiter präferieren 26 Prozent und der Verkauf an Dritte wird von gut jedem fünften bevorzugt. An eine Schließung denken nur sechs Prozent der Befragten. Aus diesen Antworten lässt sich der Schluss herleiten, dass die Handwerksunternehmer in erster Linie auf langfristiger Bestandsstabilität in der Unternehmensführung bedacht sind. Dies schafft den nötigen, auch finanziellen Spielraum für Wachstum, Innovation und eine stabile Personalpolitik.

    Nur wer persönlich Risiken übernimmt, wird als Unternehmer betrachtet.

    Vorstandsmitglieder von Kapitalgesellschaften sind nach der Meinung von Handwerksunternehmern nur dann Unternehmer, wenn sie mit eigenem Geld für die Folgen ihrer Entscheidungen haften. Diese Meinung vertreten 66 Prozent der Befragen in der Umfrage des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstags. Wer für die Folgen seines Handelns nicht gerade stehen muss, wird – so die Sicht der befragten Betriebsinhaber - keine verantwortungsbewussten Entscheidungen treffen. Beispiele hierfür konnten in der jüngsten Wirtschaftsgeschichte bei Verhalten von Managern geradezu lehrbuchmäßig beobachtet werden.

    Wenn es darum geht, ein Wort zu nennen, das ihre eigene Funktion als Unternehmer möglichst genau bezeichnet, präferieren Handwerksunternehmer Begriffe, die ihre persönliche und fachliche Kompetenz in den Mittelpunkt stellen. An erster Stelle wird "Meister" (54 Prozent), an zweiter Stelle "Selbständiger" (49 Prozent), an dritter Stelle "Chef" (47 Prozent) und schließlich an vierter Stelle "Inhaber" mit 45 Prozent der Nennungen angegeben. Obwohl die Bezeichnungen in ihren prozentualen Häufigkeiten sehr nahe beieinander liegen, wird doch deutlich, dass dem Begriff Meister bei den Unternehmern ein besonderer Stellenwert zukommt. Mit dem Begriff Meister verbinden sich unternehmerische und fachtechnische Qualifikation wie auch soziale Kompetenz in einer Person.

    Handwerksunternehmer übernehmen Verantwortung und fühlen sich in ihrem persönlichen Umfeld anerkannt

    Die Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen und Vorbild sein für junge Menschen als Leistungsträger mit hohem persönlichen Engagement in unserer Gesellschaft, dies sind die wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen des Selbständigen aus der Sicht der befragten Handwerksunternehmer. Nahezu neun von zehn der Befragten stimmen diesen Aussagen vorbehaltlos zu und bekennen sich damit zu einer hohen sozialen Verantwortung, die weit über die rein betrieblichen Funktionen des Unternehmers hinausgeht. Gerade die Vorbild-Funktion des Handwerksunternehmers gewinnt besondere Bedeutung in einer Zeit, in der Verantwortungswerte in unserer Gesellschaft an Bedeutung verloren haben. Der Handwerksunternehmer hat die Möglichkeit, diese Werthaltung als Ausbilder von Lehrlingen den jungen Menschen mit auf den Weg zu geben und damit einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung von Werten in unserer Gesellschaft zu leisten.

    Handwerksunternehmer glauben, dass ihre gesellschaftlich wichtige Funktion in ihrem primären, persönlichem Umfeld, in dem sie auf ihr Handeln eine direkte Rückkopplung erfahren, anerkannt wird. Die Unternehmer wurden gefragt, ob sie sich als Selbständige in ihrem Umfeld oder Stadtteil anerkannt fühlen. Nahezu neun von zehn der Befragten antworteten auf diese Frage vorbehaltlos mit "ja", während nur elf Prozent "eher nein" antworteten.

    Gesamtgesellschaftlich fühlen sich Selbständige im Handwerk nur in geringem Umfang anerkannt

    Geht man über das persönliche Umfeld des Selbständigen im Handwerk hinaus und fragt ihn nach seinen Erfahrungen über die Einstellung der Bevölkerung zu den Selbständigen allgemein, so zeigt sich ein differenziertes Bild: Ein eher positives Bild der Selbständigen insgesamt in unserer Gesellschaft, die Arbeitsplätze und Ausbildungsplätze schaffen und die Versorgung der Bevölkerung sichern zeichneten 58 Prozent der Befragten. Dagegen sind 42 Prozent der Auffassung, dass die Bevölkerung ein eher negatives Bild von den Unternehmern hat, die in erster Linie nur nach Profit streben würden.

    Da, wo der Unternehmer in seinem sozialen Umfeld bekannt ist und seine Leistungen geschätzt werden, erfährt er hohe soziale Anerkennung. Sieht man auf der anderen Seite aber die Fehlleistungen, die von einem Teil der Manager-Unternehmer als Vorstandsmitglieder von Kapitalgesellschaften verantwortet werden, so ist es nicht verwunderlich, dass dadurch das Unternehmer-Bild insgesamt in der Bevölkerung ins Negative abrutscht.

    In diesem Zusammenhang ist es auch von Interesse, dass Handwerker Politikern und Entscheidungsträgern in den Bildungseinrichtungen unseres Landes eher schlechte Noten ausstellen. Der Nordrhein-Westfälische Handwerkstag stellte die Frage "Wie beurteilen Sie das Verständnis in Politik und Bildungseinrichtungen (Schule, Universität) für die tatsächlichen Abläufe in der Wirtschaft und im Mittelstand?" Die Politiker erhielten zu 70 Prozent die Noten schlecht oder sehr schlecht. Die Bildungseinrichtungen (Schulen und Universitäten) kamen nur etwas besser davon; im Ergebnis lagen die Noten aber auch im unteren Bereich. Der Bildungsbereich erhielt mit insgesamt 47 Prozent die Noten schlecht oder sehr schlecht. Weitere 39 Prozent gaben die Note "weniger gut."

    Diese Ergebnisse verwundern nicht. Das über ein Jahr andauernde Hin und Her um die Reformgesetze in der Gesundheits-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik sowie in der Steuerpolitik, das schließlich im Vermittlungsausschuss nur unter dem Einsatz der Spitzenpolitiker zu dem jetzt erreichten Ergebnis gebracht werden konnte, ist nur ein Beispiel für "performance" politischer Entscheidungsträger in den Augen mittelständischer Unternehmer.

    Werte, die für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft unerlässlich sind, haben im Handwerk eine besonders starke Verankerung

    Das Allensbach-Institut untersucht im Rahmen der Europäischen Werte-Studie seit vielen Jahren für Deutschland immer wieder die Akzeptanz von Werten, die für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft unabdingbar sind. Bei seinen regelmäßigen Untersuchungen stellt es seit Mitte der Sechziger Jahre in Deutschland einen tiefgreifenden Wertewandel fest. Werte wie Höflichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, die Arbeit ordentlich tun verloren in der Gesellschaft seit diesem Zeitpunkt stark an Bedeutung. Im Gegensatz dazu übernimmt das Handwerk im Hinblick auf diese Werte geradezu die Funktion einer Vorhut, um Werte zu stabilisieren, die für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft unerlässlich sind.

    Eine repräsentative Untersuchung des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstages bei Handwerksunternehmen in NRW ergab auf die Frage "Was sollen Kinder im Elternhaus lernen?" Zustimmungsraten zwischen 80 und 100 Prozent zu den Werten der Elterngeneration. Die Zustimmungsquote in der Gesamtbevölkerung lag laut der Allensbach-Untersuchung deutlich niedriger. Sie bewegte sich dort zwischen 50 und 80 Prozent. Beispielsweise erlangte die Aussage "Die Arbeit ordentlich und gewissenhaft tun" bei Handwerksunternehmern eine Zustimmungsrate von 97 Prozent, in der Gesamtbevölkerung dagegen nur 80 Prozent. "Sich in einen gegebenen Zusammenhang einfügen" trifft im Handwerk bei 83 Prozent der Befragten auf Zustimmung, in der Gesellschaft insgesamt halten dies nur knapp 50 Prozent für wichtig.

    Diese gesamtgesellschaftlich und auch wirtschaftlich sehr wichtigen Werte werden im Handwerk von einer Generation an die andere weitergegeben. Dies zeigt die hohe Übereinstimmung in der Akzeptanz dieser Werte zwischen den Generationen: Immerhin teilen 87 Prozent der befragten Unternehmer die Auffassung ihrer Eltern im Hinblick auf den Umgang mit anderen Menschen und 66 Prozent die Vorstellung der Eltern im Hinblick auf die Ethik. Allerdings teilen Handwerker nicht in allem die Auffassung ihrer Eltern: In Fragen der Politik, der Religion und der Sexualität gibt es zwischen Eltern und Kindern gravierende Unterschiede.

    Selbständige im Handwerk stellen hohe Anforderungen an sich selbst

    Sich zurücklehnen und das Leben ohne viel Mühe genießen, dies entspricht in keiner Weise der Lebensvorstellung eines Handwerksunternehmers. Vielmehr will er in seinem Leben etwas leisten und zwar auch dann, wenn das oft schwer und mühsam ist. Auf die Frage, "worin sehen Sie vor allem den Sinn des Lebens" antworteten 88 Prozent der Handwerker, "Ich möchte in meinem Leben etwas leisten, auch wenn das oft schwer und mühsam ist". Nur knapp jeder zehnte beantwortete die gleiche Frage mit dem Satz "Ich möchte mein Leben genießen und mich nicht mehr abmühen als nötig". So ist der repräsentative Handwerksunternehmer keine Persönlichkeit mit hedonistischer Orientierung. Vielmehr stehen Arbeit und Freizeit in seiner Lebensgestaltung gleichwertig nebeneinander: "Ich liebe die Stunden der Arbeit und der Freizeit gleichermaßen", dies antworteten nahezu neun von zehn Unternehmern, während nur jeder zehnte meinte, "mir sind die Stunden lieber, in denen ich nicht arbeite".

    Das Engagement des Handwerksunternehmers beschränkt sich dabei nicht allein auf seine Aktivitäten im Unternehmen. Er ist immer auch außerhalb des Betriebes engagiert. Zwei Drittel der Befragten sind in ehrenamtlichen Funktionen in den unterschiedlichsten Organisationen tätig. Vornehmlich handelt es sich dabei um ehrenamtliche Tätigkeiten in der Handwerksorganisation (23 Prozent) aber auch im Vereinswesen (21 Prozent) und in kirchlichen Organisationen (15 Prozent).

    Eine höhere Repräsentanz von Handwerksunternehmern in politischen Gremien wäre wünschenswert. Aber nur fünf Prozent der Befragten sind in der Politik aktiv. Dieser geringe Wert ist auf die zeitliche Beanspruchung zurückzuführen, die diese Ämter erfordern. In der Regel finden Rats- und Ausschuss-Sitzungen zu Zeitpunkten statt, in denen der "Chef" im Betrieb anwesend sein muss.

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